Für viele Menschen ist Weihnachten eine Zeit der Freude, Verbundenheit und Wärme. Für Menschen mit einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) oder komplexen PTBS kann dieselbe Zeit jedoch zu einer emotional hoch anspruchsvollen Phase werden. Nicht, weil sie Weihnachten nicht mögen – sondern weil das Nervensystem in dieser Zeit besonders vielen Belastungen ausgesetzt ist.
Mein Blogbeitrag erklärt, warum Weihnachten für Menschen mit Trauma so herausfordernd sein kann und bietet im zweiten Teil konkrete Strategien, die Sie als Betroffene oder Angehörige nutzen können.
Teil 1: Warum Weihnachten traumatisierte Menschen besonders belastet
1. Sensorische Überlastung und Hypervigilanz
Weihnachten ist eine Zeit starker Sinnesreize:
helle Lichter, intensive Gerüche, Geschäftigkeit, Musik, volle Innenstädte, laute Feiern, unerwartete Geräusche.
Für Menschen mit PTBS kann dies schnell zu einer sensorischen Überflutung führen. Das Nervensystem, ohnehin in Alarmbereitschaft, wird zusätzlich aktiviert.
Hypervigilanz – das ständige Scannen der Umgebung – lässt sich dann kaum kontrollieren.
2. Essen, Kontrolle, Genuss – und alte Muster
Weihnachten dreht sich stark um Essen und Trinken.
Üppige Mahlzeiten, Alkohol, Konventionen, „Iss doch noch etwas“ – all das kann innere Spannung erzeugen.
Für Menschen mit:
- Essstörungen,
- restriktivem Essverhalten,
- Kontrollverlustängsten,
- oder Suchterfahrungen
kann der Druck, an Essen und Genuss teilzunehmen, enorm belastend sein.
3. Trigger durch Menschen, Orte, Gerüche oder Rituale
Viele Menschen treffen über Weihnachten Personen, die sie das ganze Jahr über meiden – manchmal sind es Menschen, die früher Gewalt, Vernachlässigung oder emotionale Kälte verursacht haben.
Auch bestimmte Elemente können triggern:
- Gerüche wie Zimt, Tannennadeln, Parfüm
- Musik
- Orte der Kindheit
- Rituale, die an frühere Belastungen erinnern
Das Körpergedächtnis reagiert oft unmittelbar, lange bevor der Verstand begreift, was gerade passiert.
4. Verlust der gewohnten Routine
Routine bedeutet Sicherheit. Doch Weihnachten bedeutet: andere Zeiten, anderer Tagesrhythmus, weniger Struktur, weniger Rückzugsmöglichkeiten.
Für viele Menschen mit PTBS ist diese fehlende Vorhersagbarkeit ein massiver Stressor.
5. Pflichtgefühl gegenüber unsupportiven oder toxischen Personen
Weihnachten gilt als „Zeit der Familie“. Doch nicht jede Familie ist ein sicherer Ort.
Viele Menschen fühlen sich verpflichtet, Kontakt zu Personen zu halten, die sie:
- früher verletzt haben,
- emotional oder körperlich misshandelt haben,
- nicht unterstützen,
- Grenzen nicht achten,
- beschämt oder abgewertet haben,
- oder durch ihr Verhalten bis heute emotional überfordern.
Für manche waren diese Beziehungen geprägt von Gewalt, Vernachlässigung, Manipulation oder dauerhafter Instabilität. Genau diese Menschen über die Feiertage wiederzusehen – oder es zu sollen – kann tiefe innere Konflikte auslösen.
Dieses Dilemma zwischen gesellschaftlicher Erwartung („Familie gehört zusammen“) und der eigenen belastenden Erfahrung kann starke Angst, Scham und Schuldgefühle auslösen.
6. Soziale Erwartungen und emotionaler Druck
Weihnachten verlangt – ob ausgesprochen oder unausgesprochen – nach:
Fröhlichkeit, Nähe, Small Talk, guten Emotionen.
Doch traumatische Symptome wie:
- emotionale Taubheit,
- Angst,
- Rückzug,
- Anspannung,
- Überreizung
passen schlecht zu dieser „Festtagsnorm“.
Viele versuchen zu funktionieren, zu lächeln, auszuhalten – und erleben dabei starke innere Erschöpfung.
7. Körperliche Belastungen
Viele Menschen mit PTBS oder C-PTBS haben körperliche Symptome:
Schmerzen, Verspannungen, Schlafstörungen, Erschöpfung, Immunschwäche.
Weihnachten bringt zusätzliche Anforderungen – und damit das Gefühl, nicht mithalten zu können.
8. Reflexion am Jahresende
Die Tage zwischen Weihnachten und Silvester sind emotional aufgeladen:
Ruhe, Rückzug, Jahresabschluss – all das kann:
- Verluste,
- unverarbeitete Erfahrungen,
- traumabezogene Jahrestage,
- oder Lebensthemen
deutlicher aktivieren als im Alltag.
9. Sozialer Druck und Selbstwert
„Seien Sie dankbar.“
„Freuen Sie sich.“
„Jetzt ist Besinnlichkeit angesagt.“
Diese Botschaften können Scham verstärken, wenn man sich anders fühlt als „vorgesehen“.
10. Finanzielle Belastung
Geschenke, Fahrten, Feiern, Essen – all das kostet Geld.
Wer aufgrund von Trauma nicht voll arbeitsfähig ist, spürt besonders in dieser Zeit zusätzlichen Druck.
11. Einsamkeit und innere Isolation
Für manche ist Weihnachten eine Zeit großer Einsamkeit.
Für andere entsteht Einsamkeit mitten in der Familie – ein inneres Gefühl von Getrenntsein, nicht dazugehören, nicht verstanden werden.
12. Erhöhter Substanzkonsum
Alkohol ist überall präsent.
Für Menschen, die Alkohol zur Selbstberuhigung genutzt haben oder nutzen könnten, ist dies eine riskante Zeit.
13. Verstärkter Trauerschmerz
Weihnachten intensiviert Gefühle von Verlust:
fehlende Menschen, fehlende Nähe, alte Sehnsüchte.
Trauer und Trauma überlagern sich häufig.
14. Begrenzter Zugang zu Unterstützung
Viele therapeutische Angebote pausieren.
Genau dann, wenn die Belastung steigt, sind Hilfe und Halt oft nicht erreichbar.
Hilfreiche Strategien für die Weihnachtszeit
1. Planen Sie voraus anhand eines klaren Vorher–Während–Danach-Plan (= V-W-D)
Überlegen Sie frühzeitig, welche Situationen der Weihnachtszeit für Sie herausfordernd werden könnten: bestimmte Menschen, Orte, Gerüche, Rituale, Familienfeiern, Telefonate, Essenssituationen oder auch Einladungen, die Sie nur schwer ablehnen können.
Notieren Sie außerdem Aktivitäten, die Ihnen Ablenkung, Ruhe oder Freude bringen – wie Spaziergänge, Musik, Körperübungen, Zeit allein oder kurze Atempausen.
Erstellen Sie für jedes Ereignis oder jede potenziell belastende Phase einen strukturierten Vorher-Während-Danach
- Vorher: Welche Vorbereitung gibt Ihnen Sicherheit?
(z. B. klare Zeitbegrenzungen setzen, Pausen einplanen, Rückzugsorte definieren, eine Supportperson informieren) - Während: Welche konkreten Strategien helfen Ihnen mitten in der Situation?
(z. B. kurze Auszeiten, grounding skills, bewusste Atmung, klare Grenzen, einen Satz parat haben, um sich zu entziehen) - Nachher: Was unterstützt Sie beim Zurückfinden in Ihre innere Stabilität?
(z. B. ein kurzer Spaziergang, Musik, eine beruhigende Körperübung, ein Check-in mit einer vertrauten Person)
Indem Sie die einzelnen Schritte bewusst und freundlich für sich strukturieren, stärken Sie Ihre Stabilität, Ihre Resilienz und Ihr Vertrauen in die eigene Fähigkeit, herausfordernde Feiertagsmomente gut zu navigieren.
2. Sagen Sie Nein – klar, freundlich und ohne Rechtfertigungsdruck
Sie müssen nicht an allem teilnehmen. Wenn Einladungen zu laut, zu voll oder emotional belastend sind, dürfen Sie sie ablehnen, ohne Schuldgefühl. Ein klares „Nein“ ist nicht unhöflich, sondern ein Akt der Selbstfürsorge.
Achten Sie darauf, Ihre eigenen Grenzen zu kennen und diese ruhig und bestimmt zu kommunizieren. Ein Satz wie „Nein, das passt für mich in diesem Jahr nicht“ genügt völlig.
Statt sich in Situationen zu drängen, die Ihr Nervensystem überfordern, können Sie auch sanfte Alternativen vorschlagen – etwa ein ruhiger Spaziergang oder ein Treffen zu zweit an einem anderen Tag.
Und falls es Ihnen schwerfällt, spontan abzusagen, kann eine vorab überlegte, entlastende Formulierung hilfreich sein. Sie schenkt Ihnen Freiheit, ohne sich erklären zu müssen.
3. Haben Sie eine Exit-Strategie
Sie sind zu nichts verpflichtet – auch nicht zum Dableiben.
Planen Sie im Voraus, wie Sie eine Situation verlassen können, wenn sie zu viel wird:
z. B. „Ich muss noch etwas erledigen“ oder „Ich möchte früh schlafen, ich gehe jetzt.“
Manchmal genügt allein das Wissen, gehen zu dürfen, um sich sicherer zu fühlen.
4. Nicht zu weit in die Zukunft denken
Weihnachten bringt viele soziale Situationen mit sich – und oft beginnt der Stress bereits im Vorfeld durch Grübeln darüber, wie etwas werden könnte. Zu weit vorauszudenken verstärkt jedoch meist die innere Anspannung.
Versuchen Sie stattdessen, Ihren Fokus immer wieder sanft ins Hier und Jetzt zurückzuführen: Wie atmen Sie gerade? Wie fühlen sich Ihre Füße im Kontakt mit dem Boden an? Nehmen Sie wahr, wie Sie sich anziehen, fertig machen, Türen öffnen – Schritt für Schritt, ohne Druck, etwas „leisten“ zu müssen.
Erlauben Sie sich, den Moment zu spüren, bevor Sie einen Raum betreten: einen Atemzug länger stehen bleiben, die Schultern senken, einen bewussten Atemzug nehmen.
Es ist völlig in Ordnung, die Dinge einen Schritt nach dem anderen zu gehen, statt sich von zukünftigen Szenarien überwältigen zu lassen. Oft ist der tatsächliche Moment weniger bedrohlich als die Gedanken darüber.
5. Informieren Sie vertraute Menschen und holen Sie Unterstützung ins Boot
Lassen Sie eine oder zwei vertraute Personen wissen, dass diese Zeit für Sie schwierig sein könnte.
Ein kurzes tägliches Check-in, fünf Minuten vor oder nach einem Treffen, kann Ihre Stabilität enorm stärken.
Viele Angehörige wollen helfen, wissen aber nicht wie. Geben Sie Hinweise, was Ihnen guttut.
6. Schaffen Sie eigene, sichere Traditionen
Nicht jedes Ritual muss weitergeführt werden. Sie dürfen neu entscheiden:
Ein ruhiger Spaziergang statt eines großen Essens, ein Weihnachtsfilm, Musik, ein bewusst gestalteter Rückzug.
Neue Rituale können das Fest zu einem Ort machen, der sich für Sie stimmig anfühlt.
7. Bleiben Sie geerdet (Grounding)
Eine geerdete, präsente Körperhaltung ist eine der wirksamsten Möglichkeiten, das Körperempfinden von innerer Überflutung u reduzieren. Es ist wichtig, sich immer wieder daran zu erinnern, dass man im Hier und Jetzt verankert ist.
Nutzen Sie einfache, praxiserprobte Techniken, um mit Ihrem Körper und Ihrem Umfeld in Kontakt zu bleiben:
- kleine, angenehm anfühlende, Gegenstände in der Tasche haben, die Sie mit den Fingern ertasten können
- sensorische Orientierung für Ihr Gehirn, z. B. etwa kühle Luft im Gesicht, Hände waschen oder bewusst den Druck der Füsse am Boden wahrnehmen
- eine Notizzettel – auf Papier oder im Handy – mit beruhigenden Sätzen, „Ich bin heute bereits erwachsen und habe Möglichkeiten, mich zu schützen, die ich damals nicht hatte .“
- Musik, rhythmische Klänge oder kurze Pausen im Freien, um sich innerlich zu sammeln
- sanfte Beschäftigung, wenn Sie merken, dass Sie „wegdriften“ – Fotos anschauen oder schöne Objekte im Raum scannen
Wenn eine Situation überwältigend wird, hilft oft schon ein kurzer Schritt nach draußen, ein paar Atemzüge frischer Luft oder das Spüren von Kälte auf der Haut.
Bodenhaftung ist häufig der schnellste Weg, innere Anspannung zu regulieren und sich wieder in der eigenen Präsenz zu verankern.
8. Achten Sie auf die körperlichen Bedürfnisse
Inmitten der oftmals stressigen Weihnachtszeit sind die grundlegenden Bedürfnisse die wichtigsten: regelmäßige Mahlzeiten, ausreichend Flüssigkeit, körperliche Bewegung, Medikamente regelmäßig einnehmen, Pausen einplanen und ausreichend Schlaf vor Mitternacht, im Optimalfall gegen 22 Uhr. Auch wenn Sie nicht gut schlafen können, ist Ausruhen für Körper und Nervensystem wichtig.
Die körperlichen Grundbedürfnisse zu versorgen iste ein wesentlicher Bausteine Ihrer psychischen Stabilität. Wenn diese vernachlässigt werden, reagiert das Nervensystem schneller mit Anspannung, Überforderung oder traumabezogenen Symptomen.
Erlauben Sie sich daher, IHRE (!!) Grundbedürfnisse bewusst an erste Stelle zu setzen. Und wenn es hilft, stellen Sie sich kleine Erinnerungen auf dem Handy, um nicht aus dem Rhythmus zu geraten. Ihr Wohlbefinden hängt von mit diesen einfachen, aber entscheidenden Dingen ab.
9. Begrenzen Sie Ihren Alkoholkonsum
Schon geringe Mengen Alkohol können Trigger verstärken oder emotionale Reaktionen unberechenbarer machen.
Wenn Abstinenz schwierig ist, bitten Sie eine vertraute Person um Unterstützung oder planen Sie im Voraus alkoholfreie Alternativen ein.
10. Atmen – bewusst und langsam
Wenn alles zu viel wird, hilft oft das Einfachste: Innehalten, tief einatmen, langsam ausatmen.
Diese kleine Pause ermöglicht Ihrem Nervensystem, wieder in Kontakt mit dem Jetzt zu kommen.
EIn letzte persönliche Anmerkunge von mir: Sie sind mit diesen widersprüchlichen Gefühlen rund um Weihnachten nicht allein. Die Traumatherapiepraxen in Deutschland sind überfüllt.
Auch wenn Sie sich selbst vielleicht manchmal nicht vertrauen können, Ihr KÖRPER hilft Ihnen dabei, zu spüren, was Sie gerade benötigen. Er spricht eine leise, aber ehrliche Sprache. Der eigene Körper ist wie ein innerer Seismograph, der Sie daran erinnert, was Ihnen guttut und was zu viel ist. Wenn sich Ihre Schultern verspannen, Ihr Magen eng wird oder Ihre Beine unruhig werden, dann ist das ein Zeichen Ihrer Körperweisheit. Ihr Nervensystem bittet Sie um Schutz. Und wenn Sie merken, dass Ihr Körper zwar noch im Raum anwesend ist, Ihr Geist sich aber längst zurückgezogen hat, dann ist es Zeit für eine Pause oder für Rückzug an einem Ort, an dem Sie wieder zu sich finden können.
Ich wünsche Ihnen, dass diese Weihnachtszeit Momente bereithält, in denen Sie sich sicher genug fühlen, um zu atmen, zu spüren – und ein kleines Stück Frieden zu finden.
Wenn Sie mehr über meine Arbeit als Traumatherapeutin, meine Praxis in Berlin-Kreuzberg und meine therapeutischen Angebote erfahren möchten, finden Sie weitere Informationen auf meiner Praxiswebseite:
➡️ www.traumatherapie-muellensiefen.de


