Privatpraxis für Psycho- und Traumatherapie Berlin 

Das stille Trauma der „Wochenkinder“ – eine frühe Kindheit, die keine sein durfte

3

Das Thema „Unterbringung von Säuglingen und Kleinkindern in den Wochenkrippen (oder treffender formuliert: Wochenheimen) der DDR“ ist ein sehr persönliches für mich. Es wurde meiner Meinung nach viel zu lange übersehen und tabuisiert. Durch Social Media, durch die Vernetzung von Betroffenen untereinander durch deutschlandweite Selbsthilfegruppen und letztlich die lange überfällige Aufmerksamkeit der Presse rückt dieses dunkle Kapitel ostdeutscher Geschichte immer mehr ins Licht der Öffentlichkeit.

Was waren Wochenkrippen?
Wochenkrippen waren staatliche Einrichtungen in der DDR, in denen Säuglinge und Kleinkinder montags bis freitags ganztägig – auch nachts – betreut wurden. Die Eltern holten ihre Kinder meist erst am Wochenende ab. Diese Form der Fremdbetreuung diente dem Ziel, Mütter frühzeitig in das Arbeitsleben zurückzuführen, bedeutete für die Kinder jedoch eine regelmäßige, mehrtägige Trennung von ihren primären Bezugspersonen.

Zwischen 1950 und 1990 waren schätzungsweise bis zu 600.000 Kinder betroffen – viele davon bereits ab der 6. Lebenswoche, vollständig getrennt von ihren Eltern, meist für fünf Tage pro Woche.

Die Mütter handelten im Glauben, das Richtige zu tun – der sozialistische Staat setzte auf die rasche Rückkehr der Frauen in den Beruf, propagierte die Krippe als Fortschritt. Was verschwiegen wurde: Interne DDR-Studien zeigten bereits ab 1960 massive Risiken für die seelische und körperliche Entwicklung der Kinder. Die Ergebnisse wurden unter Verschluss gehalten.

Wie sich Wochenkrippenbetreuung für Säuglinge konkret darstellte:

  • nächtliche Trennung von Mutter oder Vater – fünf Tage die Woche
  • eine Erzieherin für bis zu 12 Kleinstkinder (nachts teilweise 1:40)
  • funktionale Pflege nach starren Zeitplänen
  • kaum Körperkontakt, keine individuellen Zuwendungen
  • emotionale Deprivation durch mangelnden Blickkontakt
  • keine Eingewöhnung, keine konstante Bezugsperson
  • Übergaben an Eltern nur im Flur, Besuche nicht gestattet

Viele Betroffene wussten lange Zeit nicht, dass sie in einer Wochenkrippe und nicht in einer Tageskrippe waren – das Thema wurde in vielen Familien verschwiegen oder bagatellisiert („Das war damals normal“). Erst mit der Geburt eigener Kinder oder im Zuge von Verlusten brechen viele alte Gefühle unerwartet auf.


Was ist ein Bindungstrauma – und wie zeigt es sich?

Ein Bindungstrauma entsteht, wenn das Kind in der sensiblen frühen Phase keine sichere emotionale Bindung aufbauen kann – sei es durch körperliche Trennung, fehlende Resonanz oder funktionale Betreuung. Das Nervensystem speichert diese Überforderung und das Ausbleiben von Trost als existenzielle Bedrohung.

Die Spiegelneuronen – jene Gehirnzellen, über die Säuglinge emotionale Zustände ihrer Bezugspersonen mitfühlen und verarbeiten – bleiben unterversorgt. Die Folge: keine innere Abbildung von Sicherheit, keine stabile Selbstregulation, kein Urvertrauen.

Die Symptome eines Bindungstraumas zeigen sich häufig erst im Erwachsenenalter:

  • chronisches Gefühl von Verlassenheit oder Unsicherheit
  • Unbehagen bei Nähe und Intimität
  • diffuse Angstzustände oder Panikattacken
  • depressive Episoden, emotionale Taubheit
  • hohe Selbstkontrolle, Zwang zu funktionieren
  • Harmoniesucht, People Pleasing
  • soziale Isolation, Schwierigkeiten mit Bindung
  • fragmentierte oder fehlende Erinnerungen an die frühe Kindheit
  • körperliche Symptome ohne medizinische Ursache

Wie aus einem Bindungstrauma der Wochenkinder ein Entwicklungstrauma werden konnte

Bei vielen Wochenkindern der DDR begann das Trauma mit der frühen und regelmäßigen Trennung von der primären Bezugsperson,häufig bereits wenige Wochen nach der Geburt. Diese fehlende sichere Bindung prägte das Nervensystem in einer besonders sensiblen Phase. In manchen Fällen blieb es nicht dabei.

Was zunächst als Bindungstrauma begann, entwickelte sich im späteren familiären Umfeld häufig zu einem Entwicklungstrauma – also zu einer chronischen, über Jahre wirksamen seelischen Belastung.

Typische Konstellationen in betroffenen Familien waren:

  • emotionale Unverfügbarkeit der Eltern, z. B. durch eigene Belastung, Überforderung oder unverarbeitet Traumata
  • Alkoholkonsum oder Gewalt in der Familie, oft verdrängt oder tabuisiert
  • fehlende Feinfühligkeit im Umgang mit kindlichen Bedürfnissen
  • Scham und Sprachlosigkeit über die frühe Trennungserfahrung
  • ein kühler, funktionaler Erziehungsstil ohne emotionale Nähe

Das Kind lernt so nicht nur, dass Bindung unsicher oder schmerzhaft ist , es verinnerlicht über Jahre hinweg ein negatives Selbstbild („Ich bin zu viel“, „Ich bin nicht wichtig“) und entwickelt oftmals dysufnktionale Bewältigungsstrategien.

Ein Entwicklungstrauma entsteht also, wenn sich belastende Beziehungserfahrungen über die gesamte Kindheit ziehen und das emotionale, kognitive und körperliche Wachstum tiefgreifend beeinträchtigen.


Erste Schritte zur Aufarbeitung

Viele Betroffene verspüren erst spät iauf ihrem Lebensweg eine Ahnung, dass in ihrer frühen Kindheit etwas Wesentliches gefehlt hat. Gespräche mit den Eltern sind häufig schwierig, aus Scham, Schuld oder Abwehr. Es braucht daher Räume, in denen das Unsagbare gefühlt und verstanden werden darf.

Selbsthilfegruppen, traumasensible Fachliteratur und auf Bindungs- und Entwicklungstrauma spezialisierte Psychotherapie können helfen, die eigene Geschichte aufzuarbeiten und die Auswirkungen zu verstehen, innerlich zu verarbeiten und heilen zu dürfen.


Sie erkennen sich und möchten das Erlebte besser verstehen?

Wenn Sie in der ehemaligen DDR aufgewachsen sind und sich in diesen Zeilen wiederfinden, lade ich Sie herzlich ein, sich auf meiner Seite näher über meine therapeutische Arbeit mit frühkindlichen Bindungs- und Entwicklungstraumata zu informieren:
👉 www.traumatherapie-muellensiefen.de

Dort finden Sie auch Informationen über mein Angebot für Menschen mit frühen, präverbalen Verletzungen – empathisch, diskret und fachlich fundiert.

Weitere Ansätze:
🔹 www.wochenkinder.de (Hier finden Sie auch Selbsthilfegruppen in Ihrer Nähe)
🔹 Buch: Heike Liebsch – „Wochenkinder in der DDR“

Weitere Beiträge zum Thema Trauma