Transgenerationales Trauma bedeutet, dass seelische Verletzungen von einer Generation der Familie an die nächste weitergegeben werden. Jede Familie tut das auf ihre Weise: oft unausgesprochen, durch Schweigen oder strafende Blicke bei Nachfragen.
Kinder übernehmen unbewusst, was Eltern oder Großeltern nicht verarbeiten konnten. Es entstehen Kreisläufe, in denen alte Ängste, Schuld oder Scham das Leben der Familie bestimmen.
Typische transgenerational weitergegebene Traumata:
1. Kriegserfahrungen
Bombardierungen, Flucht und Vertreibung (z. B. Zweiter Weltkrieg)
Kriegsgefangenschaft, Zwangsarbeit, Hungerwinter
Verlust von Heimat und Eigentum
2. Politische Traumata
Leben unter Diktaturen (Nationalsozialismus, DDR, Militärregime)
Politische Verfolgung, Inhaftierung, Überwachung
Wochenkinder oder Heimerziehung als Folge staatlicher Kontrolle
3. Familiäre Traumata
Gewalt in der Familie (körperlich, seelisch, sexualisiert)
Vernachlässigung, fehlende Fürsorge
Suchterkrankungen in der Familie (v. a. Alkoholabhängigkeit)
Suizid oder schwere psychische Erkrankungen eines Elternteils
4. Verluste und Trennungen
Früher Tod eines Elternteils oder Geschwisters
Tot- oder Fehlgeburten, tabuisierte Schwangerschaftsabbrüche
Kinder, die längere Zeit getrennt wurden (Krankenhaus, Heim, Internat)
5. Familiengeheimnisse und Tabus
Verheimlichte Abstammung, uneheliche Kinder, unbekannte Väter
Tabuisierte Krankheiten (psychische Erkrankungen, Krebs, HIV)
Verschwiegenes Verbrechen oder Schuld in der Familie
6. Kollektive und soziale Traumata
Diskriminierung und Ausgrenzung (z. B. wegen Religion, Herkunft, Sexualität)
Migrationserfahrungen mit Sprach- und Kulturverlust
Armut und soziale Scham, die Familien über Generationen prägt
Symptome dieser Traumaform:
- Psychisch: ständige innere Anspannung, Schamgefühle, depressive Verstimmungen, Ängste, Schwierigkeiten mit Nähe
- Körperlich: Migräne, Herzrasen, Darmprobleme, Schwindel, Schlafstörungen (oft ohne medizinische Ursache)
- Beziehungen: Überanpassung, Verlustangst, Rückzug oder Distanz, Gefühl, nie „gut genug“ zu sein
Transgenerationales Trauma im Oscar nominierten deutschen Film In die Sonne schauen
Der für den Oscar-nominierte deutsche Film „In die Sonne schauen“ von Mascha Schilinski behandelt das Thema transgenerationales Trauma auf eindringliche und berührende Weise. Der Film zeigt, wie ungelöste seelische Verletzungen, Schuld und Schweigen von einer Generation zur nächsten weitergegeben werden, unausgesprochen, aber tief im emotionalen Erbe der Familie verankert.
Triggerwarnung: Im Film „In die Sonne schauen“ geht es um familiäre Traumata, Gewalt- und Missbrauchserfahrungen sowie deren Weitergabe über Generationen. Für Betroffene können diese Inhalte belastend sein, zumal keine Triggerwarnung vor dem Film eingeblendet wird.
Indem von transgenerationalen Traumata Betroffene den Mut finden, hinzuschauen und Worte für das Unausgesprochene zu finden, kann der Kreislauf der Weitergabe unterbrochen werden. Hier setzt Traumatherapie an: behutsam, stabilisierend und mit dem Ziel, dass das Alte nicht länger das Leben der nächsten Generation bestimmt.


